Fachtagung: Gewalt und ihre Auswirkungen auf die Gesundheit

Wieder die „Treppe herunter gefallen“

 

Scham und Angst sind die Begleiter von Gewalt, gerade dann, wenn die Gewalt in den heimischen vier Wänden stattfindet. Vor den neugierigen Fragen und Blicken der Nachbarn schützt oft die Sonnenbrille, beim Arzt wird typischerweise ein Unfall für die Blutergüsse und Prellungen angegeben. Zu groß ist die Angst und die Schande, die viele Gewaltopfer begleiten und die Täter schützt. Klare Worte fand die Rechtsmedizinerin Dr. Sibylle Banaschak, Leitende Oberärztin am Institut für Rechtsmedizin der Universität Köln auf der Fachtagung des Runden Tisches Rhein-Westerwald „Gegen Gewalt in engen sozialen Beziehungen“: „Viele Verletzungsmuster halten einer Plausibilitätsprüfung nicht stand und die Ärzte sehen sich einerseits der ärztlichen Schweigepflicht und dem Selbstbestimmungsrecht der Patientin unterworfen und andererseits ist das Gewaltopfer letztlich vor Gericht jedoch ein Beweismittel. Damit ist nur eine gute Dokumentation der Verletzungen, durch z.B. Körperschemen und Photos und der Verzicht auf eine voreilige Interpretation hilfreich für die Opfer, wenn es zu einer Gerichtsverhandlung kommt“. Das Opfer für eine Ganzkörperuntersuchung zu gewinnen um Begleitverletzungen zu erfassen, die für die Ereignisrekonstruktion notwendig sind und ein Gespräch mit der Patientin, ohne den Partner, seien die besten Möglichkeiten das Schweigen zu brechen.

Foto (von links): Doris Eyl-Müller, Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Neuwied; Dr. Susanna Smolenski, Chefärztin an der Dr. v. Ehrenwallschen Klinik Ahrweiler; Günter Salzig, Geschäftsführer der Regionaldirektion Nord-Ost der AOK RLP; Dr. Sibylle Banaschack, Oberärztin am Institut für Rechtsmedizin der Uni Köln; Beate Ullwer, Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Westerwald

 

Das Schweigen der Opfer zu überwinden, steht auch im Mittelpunkt der Arbeit von Dr. Smolenski, Chefärztin an der Dr. v. Ehrenwallschen Klinik in Ahrweiler, die auf die Behandlung traumatisierter Menschen spezialisiert ist. Dr. Smolenskis Vortrag begann jedoch mit schockierenden Zahlen, nach diversen Studien gäbe jede 5. Frau an mindestens einmal in ihrem Leben Opfer von Gewalt geworden zu sein, 65% dieser Gewalt fände innerhalb der Familie statt. So sei es nicht verwunderlich, dass man davon ausginge, dass die medizinischen  Kosten für die Gewalt auf 2,38% des Bruttoinlandproduktes geschätzt würden. „Diese Kosten entstehen nicht für das benötigte Pflaster“, so Dr. Smolenski, „diese Kosten sind nicht relevant, relevant sind die Kosten für die psychischen Folgeerkrankungen, nicht eingerechnet der volkswirtschaftliche Schaden durch z.B. Erwerbsunfähigkeit.“ Da die nichtbehandelten Folgen von Gewalt immer schwieriger und komplexere Therapieeinsätze erforderten, sei eine zeitige Behandlung dringend angezeigt, so die Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie. Die Dr. v. Ehrenwallsche Klinik ermöglicht eine zeitnahe Aufnahme von Patienten für die Region und trägt somit dazu bei, die Hilfestruktur auch im Westerwald entscheidend zu verbessern.  In der Beratungsstruktur ebenfalls relevant ist die Rechtsmedizin in Köln, sie erstellt gerichtsverwertbare Gutachten und berät niedergelassene Ärzte konsiliarisch, seit einigen Monaten hat darüber hinaus die Opferambulanz an der Universitätsklinik  Mainz ihre Arbeit aufgenommen.