Jugendgewalt – Jungengewalt? - Kriminologe beleuchtete Risikofaktoren für Jugendliche
Dass das Thema „Gewalt“ in seinen vielen Fassetten - ob als häusliche Gewalt oder Jugendgewalt - im ländlichen Raum angekommen ist, stellte Achim Hallerbach, Jugenddezernent des Landkreises Neuwied, bei seiner Begrüßung der Teilnehmer der Fachtagung „Jugendgewalt – Jungengewalt? Verlauf und Ursachen von Jugendgewalt auch im Hinblick auf Geschlechtsspezifika und wirksamen Gegenmaßnahmen“ fest. „Der Runde Tisch Rhein-Westerwald des Interventionsprojektes gegen Gewalt in engen sozialen Beziehungen beschäftigt sich originär mit Gewalt zwischen Erwachsenen. Jugendgewalt davon zu entkoppeln ist falsch. Kinder und Jugendliche, die in der Familie Gewalt erleben leiden und lernen zudem ein Konfliktverhalten, das Gewalt als Lösung beinhaltet“, begründete Achim Hallerbach das Engagement seines Jugendamtes am Runden Tisch und die Unterstützung des Ministeriums für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Familie und Frauen.
„Die Nachmittage müssen zurückerobert werden!“ Diesen Appell richtete Prof. Dr. Christian Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsens an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Fachtagung. Häusliche Gewalt gepaart mit intensivem Medienkonsum, insbesondere gewalttätiger Computerspiele, falsche Freunde und ein erlebtes aggressives Männlichkeitskonzept sind die größten Risikofaktoren für Jugendliche, gewalttätig zu werden.
2007/2008 wurden von dem Hannover Institut 44.600 Schülerinnen und Schüler in 61 Städten und Landkreisen befragt: Das Ergebnis: Im Alter von 15 Jahren verbringt der durchschnittliche männliche Jugendliche in Deutschland 2 Stunden und 15 Minuten mit Computerspielen, die Mädchen hingegen nur 56 Minuten, gleichzeitig sinken die Schulleistungen mit der Spieldauer und der Brutalität der Spiele.
Für Prof. Dr. Pfeiffer kein Wunder, denn emotionale Reize und Informationen werden im Gehirn bevorzugt gespeichert, da bleibt für trockene Mathematik und langweilige Vokabeln kein Platz. So nimmt die Zahl der männlichen Schulabbrecher (63%), die Zahl der Absolventen von Förderschulen (65%) oder Sitzenbleiber (je nach Bundesland 58% bzw. 62%) stetig zu. Ein Teufelskreis, der, so Prof. Dr. Pfeiffer, nur mit Ganztagsschulen, mit entsprechend persönlichkeitsfördernden Konzepten, zu durchbrechen ist. „Bildung ist die beste Prävention, aber Bildung ist weit umfassender als Pauken“, fasste Beate Ullwer, Moderatorin der Fachtagung und Vertreterin des Runden Tisches, den Vortrag des Fachmannes zusammen.
Mit konkreten Zahlen aus der eigenen Region wartete das Jugendamt auf, auch hier sind in der Jugendgerichtshilfe die Zahlen deutlich: „Nur“ rund 15% der Straftäterinnen und Straftäter sind weiblich. „Wir haben uns im Jugendamt auf den Weg gemacht die Gewaltprävention deutlich auszubauen. Hierzu gehören der Ausbau der Schulsozialarbeit, das sofortige Eingreifen bei Anzeigen in Sachen Kinderschutz, sowie der Aufbau früher Hilfen in Regeleinrichtungen wie Kindertagesstätten und Schulen und dezentraler Runder Tische oder auch die Schwerpunktsetzung der Jugendpflege“, führt Uwe Kukla, stellv. Leiter des Kreisjugendamtes die Arbeit des Amtes aus.
Die Veranstaltung wird in einem Reader dokumentiert und ist ab November bei den Gleichstellungsbeauftragten erhältlich.
Bild (von links): Uwe Kukla, stellv. Jugendamtsleiter, Achim Hallerbach, Jugenddezernent des Landkreises Neuwied, Prof. Dr. Christian Pfeiffer, Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen, Doris Eyl-Müller, Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Neuwied, Beate Ullwer, Gleichstellungsbeauftragte des Westerwaldkreises.


