Kinderschutz erfordert finanziellen Einsatz sowie verstärkte Personalressourcen - Experten sehen Beschlussgremien mit in der Verantwortung

 

Kinderschutz erfordert nicht nur finanziellen Einsatz der Behörden sondern er bindet auch enorme Personalressourcen. Das wurde im Rahmen einer vom Kreisjugendamt organisierten Anhörung von Experten deutlich. Das Thema lautete „Kinderschutz und frühe Hilfen im Landkreis Neuwied – Chancen, Risiken, Auswirkungen“. Hierzu sprachen namhafte Referenten, die über die gesetzlichen Grundlagen sowie aktuelle Entwicklungen informierten.

 

Der 1.Kreisbeigeordnete und Dezernent für Jugend und Familien, Achim Hallerbach machte bereits in der Einführung deutlich, dass nicht nur der Ausbau des Betreuungsangebotes in Kindertagesstätten, sondern auch der Kindesschutz in den vergangenen Jahren zunehmend in den Fokus einer breiteren Öffentlichkeit gelangt ist. Dies führe, so Kreisjugendamtsleiter Jürgen Ulrich, folglich auch zu stetig ansteigenden Fallzahlen, was nicht zuletzt an der zunehmenden Sensibilisierung der Öffentlichkeit liege.

 

Das Kreisjugendamt Neuwied hat eine immense und stetig ansteigende Zahl an Hinweisen auf Kindeswohlgefährdung zu bearbeiten. Im Jahr 2010 lag diese Zahl bei 240. Damit nahm der Landkreis Neuwied den Spitzenplatz der rheinland-pfälzischen Landkreise ein. Kürzlich wurde die 220er Marke überschritten, so dass im laufenden Jahr von einer noch höheren Zahl auszugehen ist.

 

 Dr. Sandra Menk, Leiterin der Servicestelle Kindesschutz beim Landesjugendamt, forderte vor allem eine starke Vernetzung aller Beteiligten sowie eine fachübergreifende Fortbildung auf diesem Sektor und: „…öffentliche Träger sollen Maßstäbe für die Bewertung und Gewährleistung der Qualität der Leistungen entwickeln“.

 

Professor Dr. Christian Schrapper von der Universität Koblenz ergänzte, dass neben den Fachbehörden auch die Beschlussgremien eine stärkere politische Verantwortung übernehmen müssten. Dies zeige sich besonders in der aktuellen Rechtslage.

 

Schrapper verglich die Aufgabe des Kinderschutzes mit der Feuerwehr. Sie sei das beste Beispiel eines erfolgreichen Konzeptes. Vorbeugender Brandschutz, präventive Maßnahmen und der aktive Einsatz sowie Information und Aufklärung führten hier zum Ziel Menschenleben zu schützen.

 

Für die freien Träger der Jugendhilfe, die im Landkreis Neuwied überwiegend das Leistungsangebot der Jugendhilfe bereitstellen stellten Pfarrerin Renate Schäning, Geschäftsführerin des Diakonischen Werkes im Evangelischen Kirchenkreis Wied und Wilbert Peifer, Geschäftsführer des Heilpädagogisch Therapeutischen Zentrums (HTZ) Neuwied, die Umsetzung des § 8a SGB VIII vor.

 

Der stellvertretende Jugendamtsleiter, Uwe Kukla, erläuterte das das Konzept des Kreisjugendamtes zur Verbesserung des Kinderschutzes und des Ausbaus früher Hilfen – Arbeitstitel „Neuwieder Modell – Prävention / Intervention / Kommunikation (PIK)“.

 

In seiner abschließenden Stellungnahme resümierte Hallerbach und erwähnte die Richtigkeit des vom Kreisjugendamt vorgelegten 7-Punkte-Programms zum Kinder- und Jugendschutz. Dies besteht im Wesentlichen aus der Feststellung, dass sich niemand von der Thematik  ausnehmen könne: „…wir müssen festhalten, dass es sich hier um eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe handelt.“ Kinderschutz sei eine riskante Aufgabe, da die Mitarbeiter einem ständigen physischen wie auch mentalen Arbeitsdruck unterlägen. Es gelte jedoch, dieses Risiko durch gemeinschaftliches Handeln zu minimieren. Besonders hoffe er auch, dass die pro Mitarbeiter zu bearbeiteten Fallzahlen auf die beispielsweise in Nordrhein-Westfalen geltenden 30-35 Fälle pro MA auch im Kreis Neuwied umgesetzt werden könnten. Alle Untersuchungen zeigten nämlich, dass sich eine ausreichende Personalausstattung der Sozialen Dienste lohnt.

 

Eine unzureichende personelle Ausstattung der sozialen Dienste der Jugendämter führt nachweislich zu Kostensteigerungen, zum Beispiel weil die erforderliche Überprüfung von Jugendhilfemaßnahmen, etc. nicht oder nicht zeitnah erfolgen kann.

 

Der Landkreis Neuwied, so Hallerbach, habe bereits vor zwei Jahren ein Konzept auf den Weg gebracht, „…mit dem wir sowohl die Arbeitsabläufe, als auch die quantitative und qualitative Personalausstattung des Jugendamtes den ständig steigenden Anforderungen anpassen wollen. Nicht zuletzt möchte ich in diesem Zusammenhang erwähnen, dass wir in diesem Jahr zum dritten Mal gemeinsam mit dem Jugendamt der Stadt Neuwied eine große Netzwerkkonferenz durchführen werden. Zugleich sind wir dabei, örtlich lokale Netzwerke auszubauen, mit denen dann auch in stärkerem Umfang den örtlichen Bedürfnissen Rechnung getragen wird. Ich freue mich, dass sieben von acht Verbandsgemeinden an dem Aufbau dieser lokalen Netzwerke unmittelbar mitarbeiten. Die Ergebnisse der Auftaktrunden der jeweiligen Netzwerke bestätigen in der Auffassung, dass es sich hier um ein lohnendes Instrument handelt. Es ist heute deutlich geworden, dass wir vor erheblichen Herausforderungen stehen und ich bin zuversichtlich, dass wir hierzu auf die Unterstützung aller Akteure zählen dürfen.“