Die Schriftstellerin

Die Schriftstellerin

Schriftstellerinnen hatten es in der von Männern dominierten Gesellschaft des 19. Jahrhunderts nicht leicht. Damit sie eine bessere Beachtung und künstlerische Anerkennung erhielten, verbargen sie sich gerne hinter Pseudonymen. Auch Johanna Loewenherz veröffentlichte ihre ersten Werke nicht unter ihrem richtigen Namen, sondern unter dem Pseudonym Leo Vonderwied. Zu der romantischen Oper von Otto Klauwell „Das Mädchen am See“ schrieb sie das Opernlibretto. Das Werk wurde 1889 in Köln uraufgeführt. Klauwell (1851-1917) lehrte als Professor für Musikwissenschaft am dortigen Konservatorium. Wie der Kontakt zwischen dem Komponisten und der Autorin zustande kam, ist unbekannt.

In dieser Oper ging es um die Sage vom sündigen Dorf, das verflucht wurde und im See versank. Vom Fluch befreien konnte es nur ein Edler, der freiwillig auf sein irdisches Lebensglück verzichtete und das schreckliche Los der verdammten Dorfbewohner teilte. Der Maler Edward war es, der sich in die schöne Dorfbewohnerin Inga verliebte und freiwillig mit ihr auf den Grund des Sees gehen wollte. Als beide von den Fluten verschlungen wurden, endete der Fluch.

Ein Jahr später, 1890, erschien die in Versform verfasste Sage vom „Drachenfels“. Auch hier benutzte Johanna Loewenherz ein Pseudonym. Sie nannte sich: „ein Rheinländer“. Wiederum stand die Liebe einer Frau im Zentrum der Handlung. Um Elena, die Tochter eines Christenkönigs, die von heidnischen Kriegern an den Rhein verschleppt wurde, stritten zwei Königssöhne. Doch der Oberpriester ließ die zarte Jungfrau in die Höhle des auf dem Berg lebenden Drachens bringen. Während einer der Königssöhne, Wingolf, Elena befreien wollte, konnte sie den Drachen besiegen: sie hielt ihm ein Kreuz entgegen und der Drache stürzte in den Rhein. Die Liebe zwischen Elena und dem Königssohn Wingolf hatte gesiegt.

1892 erschien wiederum unter dem Pseudonym „L. Vonderwied“ das Theaterstück „Gertrud“. Dieses Trauerspiel in fünf Akten wurde vermutlich nie aufgeführt. Erneut war die bedingungslose und vollkommene Liebe das Thema. Gertrud, die Titelheldin, geht eine mit hohen Erwartungen befrachtete Liebesehe zu Hans, einem Gerichtsassessor ein. Wenig später wurde er als Staatsanwalt vor Gericht mit derjenigen Frau konfrontiert, die er zuvor geschwängert hatte und die dieses Kind tötete. Gertruds Selbstachtung und ihre hohen Liebesideale ließen sie nicht mehr in dieser Ehe bleiben. Doch bevor es zur Scheidung kam, hatte das geschwängerte Mädchen sich in ihrer Zelle das Leben genommen und ihr Verlobter hatte den Staatsanwalt Hans erschlagen. Johanna Loewenherz hat hier ein sehr pessimistisches Frauenbild gezeichnet. In diesem von Männern dominierten System konnten die Frauen nur die Opfer sein.

In allen drei Werken stand die Liebe einer Frau im Mittelpunkt der Handlung. Johanna Loewenherz schrieb über das Ideal einer vollkommenen, gleichberechtigten Liebe, die mehr Wunschtraum als Wirklichkeit war und zwangsläufig zur Enttäuschung führen musste. Entsprechend negativ endete dann auch ihr drittes Werk, Gertrud. Vielleicht führten sie die Überlegungen über die von ihr beschriebenen Frauenschicksale dazu, sich den allgemeinen Fragen nach der Stellung der Frauen in der Gesellschaft zuzuwenden?

1895 veröffentlichte Johanna Loewenherz erstmals unter ihrem eigenen Namen eine Studie zur Frauenbewegung. Denn hier sah sie ihre geistige Heimat, für die Gleichberechtigung der Frau in der Gesellschaft zu kämpfen. Dieses im Selbstverlag in Neuwied erschienene Buch umfasste mehr als 200 Seiten und kann sowohl als Agitationsschrift als auch als ein theoretisch fundiertes Grundsatzwerk zur Frage der Gleichberechtigung der Frauen verstanden werden. Die Recherchen zu diesem Werk müssen sehr umfangreich gewesen sein und Johanna Loewenherz hat sich dazu für längere Zeit in Berlin aufgehalten.

Der als Frage formulierte Titel scheint auf den ersten Blick sehr ungewöhnlich: „Prostitution oder Produktion, Eigentum oder Ehe?“ und hinterfragt die Stellung der Frauen in der damaligen Gesellschaft. Die Untersuchung beginnt mit Beobachtungen in einem Berliner Nachtcafe, einem Bordell, wo die Unterlegenheit und Unterwürfigkeit der Frauen besonders deutlich wurde. Dagegen stellte Johanna Loewenherz die auf Ausbeutung und Entfremdung basierende Lage der Industriearbeiterinnen. Auch die damals in bürgerlichen Kreisen übliche Versorgungs- oder Konvenienzehe stellte in ihren Augen keine befriedigende Lösung für die Frauen dar. Um der Frage der Ungleichheit der Geschlechter auf den Grund zu gehen, griff sie viele historische Beispiele aus der Zeit der Antike oder dem Alten Testament auf. Auf die kämpferischen Frauen der Revolutionen, wie Olympe de Gouges oder Louise Otto Peters und ihre Errungenschaften für die Frauenbewegung wurde ebenfalls verwiesen.

Welch weiter Weg für die Gleichberechtigung der Frauen zurückgelegt werden musste, verdeutlicht der kritische Blick von Johanna Loewenherz auf den Status ihrer Geschlechtsgenossinnen: „Die Frau hat kein Stimmrecht, Vereins- und Versammlungsrecht ist gegen sie, - aber sie wird ja auch nicht Soldat. Sie hat kein Amt, keine Würde und keinen Unterricht - aber sie geht ja auch nicht in den Krieg.“  Doch wage die Frau beim Staatsbürgergebären ebenso gut ihr Leben, wie der Soldat beim wechselseitigen Staatsbürgertöten, argumentierte sie weiter und das Hervorbringen sei besser als das Vernichten. Das waren sehr mutige Worte in der waffenklirrenden Zeit des Deutschen Kaiserreichs. Für die Ehrenpreisträgerin der Johanna-Loewenherz-Stiftung und Frauenforscherin Annette Kuhn war Johanna Loewenherz mit ihrer frauengeschichtsbewussten und historisch-politischen Analyse ihrer Zeit weit voraus.